Die Idee

 

 

Die Idee

Die hohe Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber in Bayern fordert nicht nur behördliche Leistungen, sondern auch gesellschaftliches Engagement. Vor allem Kinder und Jugendliche, die im Laufe ihrer Schulzeit nach Deutschland kommen und ihre Heimat verlassen mussten, brauchen besondere Unterstützung. Für sie gibt es sogenannte Übergangsklassen, in denen sie von spezifisch qualifizierten Lehrkräften begleitet werden, bevor sie in reguläre Schulklassen wechseln.
Um Begegnungen zwischen Gleichaltrigen zu fördern, unterstützen die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit und die Bayerische Architektenkammer Schulklassen sowie SMV-Arbeitskreise ab der 9. Jahrgangsstufe der weiterführenden Schulen in Bayern bei der Organisation und Durchführung von interkulturellen Stadtführungen für Schüler der Übergangsklassen.

Ziel ist, einen interkulturellen Austausch zwischen den jungen Menschen anzuregen. Die Stadtführungen helfen, die theoretischen Kenntnisse um praktische und persönliche Erfahrungen zu ergänzen und somit eine Orientierung zu erleichtern. Die Jugendlichen der Regelschulen entwerfen dabei ein eigenes Konzept für das Unterwegssein im heimatlichen Raum und erläutern aus ihrer eigenen Perspektive den Schülern der Ü-Klassen den Ort, der sie selbst prägt, vermitteln Alltägliches sowie Besonderes und erkunden mit den Gleichaltrigen den eigenen Ort neu. Die Stadtführungen werden so zu gemeinsamen Spaziergängen, bei denen die Schüler zeigen und darüber sprechen, was ihnen selbst wichtig ist. Indem sie Zeit miteinander verbringen, heißen sie Gleichaltrige auf eine persönliche Art willkommen und öffnen sich dabei selbst für neue und andere soziale und kulturelle Räume.

Das Procedere

Die beiden Institutionen stellen den Kontakt zu Ü-Klassen vor Ort her, geben Hilfestellungen zum Projektablauf sowie inhaltliche Ideen und Anregungen zur Durchführung der Stadtspaziergänge. 

Die vorliegende Webseite bietet neben Impulsen in Text und Bild zur Bewegung in unterschiedlichen räumlichen Dimensionen auch „best-practice-Beispiele“ von Schulen, die das Projekt bereits durchgeführt haben. Es ist wünschenswert, diese Beispiele um viele weitere Eindrücke zu erweitern.

Impulse

Die vorliegende Webseite soll keine fertigen Konzepte liefern, sondern vor allem Impulse setzen. Ausgehend von der Bedeutung der räumlichen Umgebung für den Menschen geht es um soziale, kulturelle, zeitliche und räumliche Heimat. 

Bewegung im Raum, Orientierung und zielsicheres (Be)Nutzen des öffentlichen Raumes sind nur möglich, wenn minimale Kenntnisse über dessen Struktur vorhanden sind. Gleichermaßen ist eine Teilnahme an einer Gesellschaft nur dann möglich, wenn neben der Neugierde ein Mindestmaß an Sicherheit und kultureller Kenntnis vorhanden sind. Nachdem sich gesellschaftliche Ordnungen und Vereinbarung nirgends sichtbarer manifestieren und lesen lassen als im gebauten Raum und in den darin nutzbaren Infrastrukturen, nachdem kulturelle Eigenheiten in direkter Verbindung zum öffentlichen Raum und dessen Nutzbarkeit stehen, liegt es nahe, die eigene Kultur, Sprache und Umgebung in Stadt- und Ortsführungen zu vermitteln.

Genau dies soll durch das Projekt „Auf der Suche & unterwegs“ geschehen. Jugendliche sind generell auf der Suche nach Zielen, nach Orientierung, nach neuen „Räumen“. Durch Impulse sowie durch die Begegnung mit den Gleichaltrigen unterschiedlicher Herkunft öffnen sie sich für andere soziale und kulturelle Räume. In diesem Zusammenhang setzen sich die Jugendlichen vor allem auch mit dem Begriff der Heimat auseinander, versuchen eigene Antworten zu finden und sich mit den Antworten der anderen auseinanderzusetzen.

Wie lässt sich Heimat beschreiben? Womit ist sie verbunden? Welche Assoziationen werden mit dem Begriff in Verbindung gebracht?

Eine allgemein gültige Definition des Begriffs „Heimat“ existiert nicht. Umschrieben wird der Ort, an dem wesentliche Teile der Sozialisation stattfanden und Identität sowie Charakter maßgeblich geprägt haben. Unternimmt man den Versuch der Definition, so lassen sich sowohl eine räumliche, eine zeitliche, eine soziale und eine kulturelle Dimension in der Begrifflichkeit finden. All diese Dimensionen sind von Bedeutung: für die jungen Menschen selbst und für den Weg der Integration.

Räume

Menschen, die Glück haben, leben und arbeiten an Orten und in Räumen zu Zeiten und mit Menschen, an, in und mit denen sie gut leben und arbeiten können. An, in und mit denen sie gut feiern und entspannen, einkaufen oder Sport treiben können. An, in und mit denen sie gut denken können. So weit so simpel. Aber was heißt „gut“? Und was beschreibt der Begriff „Raum“?

Der Neurowissenschaftler Eric Kandel – ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Physiologie und Medizin – weiß: Die Raumwahrnehmung ist nicht nur ein entscheidender, sondern auch ein faszinierender Sinn, weil er, anders als die anderen Sinne, nicht von einem speziellen Sinnesorgan analysiert wird. Da uns dieses Sinnesorgan fehlt, ist die Repräsentation des Raumes eine im Wesentlichen kognitive Empfindungsfähigkeit. Unser Gehirn muss den Input verschiedener Sinnesmodalitäten kombinieren und dann eine vollständige innere Repräsentation erzeugen, die sich nicht ausschließlich auf einen bestimmten Input stützt.

Die Raumwahrnehmung ist damit etwas Persönliches, das auf dem beruht, was jeder einzelne erlebt, gelernt und erfahren hat. Es gibt also weitaus mehr als trocken und warm, hell und dunkel. Und es gibt sogar mehr als nur den einen Raum. So gibt es Philosophen, die glaubten, Raum sei ein Behälter, der existiert, in den man etwas hineinstellt und in dem etwas passiert. Das hat etwa Galileo Galilei gedacht. Martin Heidegger – 350 Jahre später – sah das allerdings ganz anders:

Es gibt nicht den Menschen und außerdem Raum….

Ähnlich formulierte es der 1991 verstorbene Philosoph und Pädagoge Otto Friedrich Bollnow, der den Menschen in das Zentrum des Raums stellte. Daher spricht er vom erlebten Raum, der nicht vorhanden ist, sondern vom Menschen realisiert und erschlossen werden muss.

Wie wird Raum zu „erlebtem Raum“? Durch Bewegung, meinte Bollnow, der deshalb auch nicht vom mathematischen, sondern vom hodologischen Raum spricht (gr. Hodos: Weg).

Wer sich also allgemeingültige Erklärungen und Bewertungen erhofft hat, wird enttäuscht. Viel wichtiger scheint jedoch, zu erkennen, dass es unterschiedliche Ebenen gibt, auf denen wir uns mit dem Thema „Raum“ auseinandersetzen können und müssen. Der Zeit-Raum. Der Kultur-Raum. Der soziale Raum. Denn nur die Übereinanderlagerung all dieser Räume kann einen Ort zu einem Raum machen, an dem wir uns – wenn auch jeder ein wenig anders - sicher und geborgen fühlt. Und damit „gut“.